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Technologie kann der Steuerberatungsbranche die Beratung zurückbringen
Wie ist sie ihr denn abhandengekommen?
12.06.2026Da ich im Juli 1983 in der Steuerberatung zu arbeiten begonnen habe, erlaube ich mir, zu Beginn dieses Beitrags in den „guten alten Zeiten“ zu schwelgen. Es war eine wunderbare Zeit damals. Das für den Beruf notwendige Wissen war noch einigermaßen überschaubar. Eine einzelne Person konnte nahezu das gesamte Steuerrecht erfassen. Möglicherweise erinnern sich die etwas älteren österreichischen Kollegen an die äußerst schmale Ausgabe des „Kodex“ (Sammlung aller österreichischen Steuergesetze). Auch die dazugehörigen Erlässe hatten in einem schmalen Band Platz. Die notwendige Technik für die Arbeit war ebenfalls einfach: Eine Rechenmaschine reichte damals aus. Die ersten Computer waren gerade erst am Start ihrer Entwicklung im Berufsstand.
Warum erzähle ich von diesen Zeiten? Welche Bedeutung haben derart alte, wahrscheinlich auch ein bisschen verklärte, Schilderungen für die Gegenwart und die Zukunft?
Der Berater als ein Bestandteil des Unternehmens des Klienten
Der Steuerberater – und damit ist nicht nur der Inhaber bzw. Partner gemeint, sondern auch der routinierte Mitarbeiter – war zu dieser Zeit fast ein Teil des Unternehmens des Klienten. Er war sehr nahe am Unternehmen. Es gab häufigen und engen Kontakt. Der Berater war immer wieder vor Ort beim Klienten. Er war ein wertvoller Ansprechpartner für viele unternehmerische – steuerliche, wirtschaftliche, rechtliche – Fragen des Klienten. Die Unternehmer trafen damals fast keine relevante Entscheidung, ohne mit dem Steuerberater vorher gesprochen zu haben. Die Steuerberater kannten und verstanden das Geschäftsmodell des Klienten und nahmen durch ausführliche Gespräche Einfluss auf den Unternehmenserfolg.
Wie ist es dazu gekommen, dass diese für beide Seiten so vorteilhafte Situation in weiten Teilen abhandengekommen ist? In allen aktuellen Klientenbefragungen gibt es immer wieder ein ähnlich lautendes eindeutiges Ergebnis: Steuerberater beraten zu wenig; sie sind zu wenig aktiv; es kommen keine proaktiven Vorschläge, etc. etc.
Hat der EDV-Einsatz vor Jahrzehnten die Beratungssituation verbessert?
Rückblickend kann ich sagen, dass die ersten IT-Anwendungen in der Steuerberatung die Möglichkeiten für „mehr Beratung“ vergrößert haben. Allerdings nicht in einem signifikanten Ausmaß. Der Einsatz der IT führte die Branche vor allem in ein Effizienzdenken: Schneller, einfacher, Kosten reduzieren, etc.
Gleichzeitig stiegen kontinuierlich die Anforderungen an den Berufsstand: Jedes Jahr neue Regularien bis hin zu Überregulierungen; deutlich höherer Dokumentationsaufwand; überbordende Steuergesetzte, etc.
Die Steuerberaterbranche konnte sich über diese Änderungen auch nicht beschweren, da dies gesicherte Aufgaben bedeuteten und damit natürlich gut Geld verdient wurde und wird. Das Deklarationsgeschäft in der Steuerberatung mit all seinen umfassenden Aufgaben, monatlich und jährlich fix vorgegeben, war und ist der Hauptumsatzträger fast aller Kanzleien. Allerdings, für die Deklarationsarbeiten ist eine tiefe Beziehung mit dem Klienten nicht notwendig. Digitalisierung und Automatisierung entfernten auf eine gewisse Art sogar den Steuerberater vom Klienten. Die Klagen der Klienten über „zu wenig Beratung“ sind daher in weiten Teilen berechtigt.
Und jetzt?
Die Steuerberaterbranche steht – wieder einmal – mitten in einem weiteren Technologiesprung:
- Die Automatisierung ist im Gang und ermöglicht, richtig gemacht, echte Zeitgewinne.
- Durch Cloudlösungen kann in Echtzeit gearbeitet werden; tagesaktuelle Daten sind ganz und gar keine Unmöglichkeit mehr.
- KI-Anwendungen helfen sowohl in den Prozessen als auch in der Recherche für viele Beratungsfragen.
Wieder werden – wie seit vielen Jahren – Möglichkeiten geschaffen, um früher und näher an den Klienten „dran“ zu kommen.
Das Deklarationsgeschäft ist und wird immer noch ein Hauptumsatzträger in den Kanzleien bleiben. Sich ausschließlich damit zu beschäftigen, Skalierungseffekte zu realisieren, „mehr“ zu machen und weiter an der Effizienz zu arbeiten, ist ein sehr guter Weg für die Branche.
Andererseits kann die Technologie der Branche all das zurückbringen, was bereits seit langem vorhanden war, was Klienten wirklich schätzen und wofür sie auch gerne bezahlen: Nämlich (pro-) aktiv beraten zu werden. Und das kann in einer ganz neuen Qualität geschehen. Eben durch die oben genannten technologischen Möglichkeiten.
Neben dem professionellen Einsatz der Technologien braucht es dafür das (Wieder-) Erlernen der „guten alten“ Beraterfähigkeiten. Das sind aus meiner Sicht die relevanten „future skills“: Empathie, zuhören, nachfragen, sich klar ausdrücken, Zusammenhänge erkennen, kombiniert mit fachlicher Expertise, um KI-Ergebnisse beurteilen zu können.
Eine der großen aktuellen Herausforderungen der Branche ist es, Klienten zu zeigen, dass Steuerberater tatsächlich beraten können. Die Glaubwürdigkeit hat in diesem Zusammenhang während der letzten Jahre stark gelitten.
In den Kanzleien braucht es aus meiner Sicht eine noch deutlichere Differenzierung zwischen jenen Personen, die effizient das Deklarationsgeschäft erledigen, und jenen Personen, die aktive Beratung wahrnehmen. Beides gut zu beherrschen, ist aus meiner Sicht unmöglich.
Nützen Sie daher die Chancen. Lassen Sie die Technologie die Beratung in die Branche zurückbringen. Bei gleichzeitiger Professionalisierung des Deklarationsgeschäfts!
Aus Gründen der einfacheren Lesbarkeit habe ich keine Querverweise im Text gemacht. Die folgenden Beiträge runden die oben getroffenen Aussagen ab:
Eine Auswahl an Beiträgen zu „Beratung“:
Berater sein in herausfordernden Zeiten
Eine Auswahl an Beiträgen zu „Technologie“:
Digitalisierung und Automatisierung - endlich!