Eine Frage der Betrachtungsweise
Puls 2010 brachte bei der Frage nach der größten Herausforderung für
Steuerberater im Jahr 2010 ein eindeutiges Ergebnis: „Auftragsgewinnung
(neue Klienten)“ lag mit großem Abstand (38 %) an erster Stelle, gefolgt
von Mitarbeiterführung (18 %) und Produktivitätsverbesserung (12 %).
Dass mich dieses Ergebnis überrascht hat, habe ich im
Blog bereits geschrieben, und im Beitrag
„Zu
beschäftigt fürs Geschäft“ dazu auch eine gewagte Interpretation
dargestellt, die von einigen Kollegen inzwischen bestätigt wurde.
Die aktuelle Puls 2010-Frage zum Erledigungsstand der Jahresabschlüsse und
Steuererklärung 2009 bringt weiteres Licht ins Dunkel zum Thema
„Auftragsgewinnung“: Rund zwei Drittel der Steuerberater haben bis Ende
März 2010 weniger als 10 % der Fälle 2009 erledigt! Bei einem weiteren
Viertel der Steuerberater beträgt der Erledigungsstand unter 20 %! Das
heißt, der weitaus überwiegende Teil der Steuerberater beschäftigt sich im
ersten Vierteljahr des Jahres 2010 mit 2008er-Jahresabschlüssen!
Mehr oder früher? Besser und früher!
Woher kommt dieser Drang nach neuen Klienten? Mit den bestehenden Klienten
lässt sich ein beträchtliches Umsatzplus für 2010 alleine dadurch
erreichen, dass die bestehenden Aufträge schneller abgearbeitet werden.
In einer Auftragssituation, in der man sprichwörtlich immer nur hinterher
hechelt, noch weitere Klienten gewinnen zu wollen, hat zur Folge den sich
vollzogenen Paradigmenwechsel in der Steuerberatung nur dann bewältigen zu
können, wenn man mindestens 20 % mehr Kapazität (sprich neue Mitarbeiter)
an Bord holt. Der Paradigmenwechsel besteht darin, dass sich die
Anforderungen des Klienten inzwischen massiv geändert haben: Aktuelle,
laufende und vorausschauende Informationen sind gefragt. Das monatliche
Rechnungswesen, und nicht der Jahresabschluss, ist das Kernstück der
Steuerberaterleistung. Bei guten Informationen während des Jahres, liefert
der Jahresabschluss keine relevanten Informationen mehr! Und falls ja,
dann sind diese meist schon zu spät. Die „Rivalität“ zwischen
„Nur-Buchhalter“ und „Ach-so-edler-Jahresabschlussmitarbeiter“ hat sich
damit ins Gegenteil verkehrt.
Wie kann eine Kanzlei „bessere“ Klienten gewinnen, wenn sie sich zu viel
um die „schlechten“ kümmert. Und das noch dazu genau in der Zeit, in der
die „guten“ Klienten intensiv betreut werden sollten (zu
Jahresbeginn).
Mein Plädoyer ist: Leistungen früher für bessere Klienten zu
erbringen!
Warum neue Klienten wichtig sind
„Gute“ neue Klienten (
„Neuer
Klient – ist er qualifiziert für unsere Kanzlei?“) sind aus zwei
Gründen für den zukünftigen Erfolg der Kanzlei wichtig:
1) Die höchsten Weiterempfehlungsquoten sind bei neuen
Klienten zu erzielen. Sich um neue Klienten besonders intensiv zu kümmern
ist daher ein Muss. Bei exzellenter Betreuung neuer Klienten wird ein sich
verstärkendes „Schwungrad“ in Gang gesetzt. Die neuen Klienten empfehlen
sie weiter, die Empfohlenen empfehlen wieder, und so weiter und so
weiter.
2) Ein kontinuierlicher Strom an Neuklienten steigert
das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Das macht es leichter, sich von
Klienten, die nicht zur Kanzlei passen, zu trennen, und damit mehr Zeit
für die exzellente Betreuung der wichtigen Klienten zu haben, die dann
wieder die Kanzlei weiterempfehlen. Außerdem fördern Neuzugänge das
Selbstbewusstsein für höhere Honorare, was wiederum die Freude an der
Arbeit positiv beeinflusst. (Lesen Sie dazu auch
„Selbstbewusstsein
statt Rechtfertigung“ und
„Schlechte
Honorare?“)
Die Betrachtungsweise
Sehen Sie daher die Gewinnung neuer Klienten nicht unter dem Blickwinkel
des „Mehr“ (an Umsatz), sondern unter dem Gesichtspunkt des „Besser“
(Klienten, Ergebnis und Lebensqualität). So gesehen, stimme ich
uneingeschränkt zu, dass die Auftragsgewinnung unter die Top-Prioritäten
einzureihen ist.