Die Grenzen des Qualitätsmanagements in der Steuerberatung
Stellen Sie sich vor, dass Sie als Käufer eines ____________ (bitte die
Automarke einsetzen) durch die Werkshallen gehen und sich bei der
Produktion Ihres soeben bestellten Autos beteiligen: Hier noch ein
kleines Extra. Den Rückspiegel bitte weiter unten anbringen. Die
Sportsitze vom alten Auto einbauen („ich habe mich so an sie gewöhnt“).
Wäre nicht die Elektronik vom Premium-Modell besser? Dazwischen ein
kurzes Gespräch mit den freundlichen Mitarbeitern am Fließband, ob sie
nicht Ihr Auto vorziehen könnten, weil „es halt gar so pressiert.“
„Können wir eine Probelackierung vornehmen, damit ich mir den
Metaliceffekt besser vorstellen kann?“ Sie legen beim Einbau des Motors
selbst Hand an.
Die Vorstellung einer derartigen Situation ist grotesk, bizarr, einfach
schräg. Sie mag für den einen oder anderen von Ihnen ganz witzig sein.
Nur die Konsequenzen einer derartigen Vorgangsweise würde sicher niemand
wollen. Der Autohersteller müsste deutlich mehr für seine Autos
verlangen und gleichzeitig würde die Qualität sinken.
Was für einen Autoproduzenten unvorstellbar ist, ist für
Steuerberatungskanzleien Alltag! Der Klient ist am „Produktionsprozess“
beteiligt. Nicht nur, dass er sich „einmischt“, er ist integrativer und
notwendiger „Bestandteil“ der „Produktion“ von Lohnabrechnungen,
Buchhaltungen, Jahresabschlüssen und Steuererklärungen. Ohne seine
Mitarbeit – natürlich in unterschiedlichem Ausmaß – kann die Leistung
gar nicht erbracht werden.
Qualitätsmanagement in der Steuerberatungskanzlei
Ich bin überzeugt, dass das Managen der Qualität eine notwendige
Bedingung für den Kanzleierfolg ist. Immer wieder erzähle ich in meinen
Vorträgen von Mc Donald`s als Sinnbild für die Standardisierung von
Prozessen zur Erreichung einer einheitlichen Qualität.
Immer öfter nehme ich allerdings wahr, dass das Pendel beim Einsatz von
Qualitätsmanagementtools schon zu weit ausgeschlagen hat.
Qualitätsmanagement aus meiner Sicht übertrieben, zu mechanistisch
gesehen wird und der Glaube herrscht, dass Qualitätsmanagement alles
wäre, ja sogar Führung ersetzen könnte. Dabei besteht zwischen
Österreich und Deutschland ein signifikanter Unterschied, der alleine
beim Betrachten der Muster-QM-Handbücher offensichtlich ist. Das
Handbuch zur Qualitätssicherung des Instituts Österreichischer
Steuerberater ist ein „schmaler“ Ordner mit rund 100
Vorlagen/Muster/Checklisten etc. Das deutsche Musterwerk zur
Qualitätssicherung ist eine echte Herausforderung mit einem geschätzten
10- bis 15-fachen Umfang des österreichischen QM-Handbuchs.
Der „Dokumentationswahn“ der Wirtschaftsprüfung (ich bitte um
Verzeihung für diesen Begriff bei allen Wirtschaftsprüfern) schlägt mehr
und mehr auf die Steuerberatung durch. Was für die Wirtschaftsprüfung
durchaus sinnvoll sein mag, wobei auch daran oft gezweifelt wird, ist
für die Steuerberatungsleistungen in vielen Fällen einfach sinnlos. Ohne
Checklisten geht anscheinend gar nichts mehr. Wird nicht ein
Kontrollkästchen abgehakt, ist keine Qualität möglich. So der
Tenor.
Führung, nicht Qualitätsmanagement, ist gefragt
Mitarbeiterführung kann nicht an das Qualitätsmanagement delegiert
werden. Auch noch so ausgefeilte Handbücher ersetzen nie und nimmer das
Anleiten, Einschulen, Begleiten, Fordern und Fördern eines neuen
Mitarbeiters. Selbstverständlich braucht eine Kanzlei Arbeitshilfen, mit
denen immer wiederkehrende Prozesse standardisiert bearbeitet werden
können. Aber eine Checkliste kann nie das Gespräch über die Qualität der
Arbeit ersetzen.
Kommt es in Ihrer Kanzlei vor, dass gewisse Checklisten vom einen oder
anderen Mitarbeiter nicht verwendet werden? Kommt es vor, dass
Checklisten nach der Erledigung des Auftrags „en bloc“ abgehakt werden?
Gibt es Checklisten, die nie verwendet werden? Was sind Ihre Schlüsse
daraus?
Eine Checkliste ist dann richtig, wenn die Mitarbeiter danach gieren.
Sie diese Checkliste unbedingt haben möchten, weil sie so nützlich ist
und weil sie ihnen die Arbeit erleichtert. Eine Checkliste ist völlig
sinnlos, wenn sie nie verwendet wird.
Jetzt einmal kritisch betrachtet: Wenn ein Mitarbeiter aus der
Finanzbuchführung, der seit Jahren 25 Klienten betreut, was bedeutet,
dass er seit Jahren 300 Monatsbuchhaltungen erstellt, eine Checkliste
braucht, um gute Qualität zu liefern, dann ist etwas faul! Ein
erfahrener Mitarbeiter braucht eine ganz andere Dimension des
Qualitätsmanagements als ein Berufseinsteiger. Er braucht eine andere
Art der Führung. Ein erfahrener Mitarbeiter ist das Qualitätsmanagement
in Person. Er sollte Mängel in der Qualität erkennen – das ist ja seine
Erfahrung. Und das ohne Checkliste!
Was hat diese Betrachtungsweise für Konsequenzen? Aufgabe der Führung
ist es, dass ein Berufseinsteiger möglichst schnell und umfassend
Erfahrungen sammelt. Dass er eben Routine in seinen Tätigkeiten gewinnt.
Das gelingt nur bedingt bis gar nicht, durch die Beachtung bzw.
Bearbeitung von Checklisten, sondern durch gezielte Mitarbeiterführung
und -entwicklung. Wenn ein Mitarbeiter nach einer soliden und sauberen
Einarbeitung immer noch eine Checkliste braucht, um gute Qualität zu
liefern, dann hat die Einschulung versagt!
Ich sehe die große Aufgabe des Qualitätsmanagements darin,
Arbeitshilfen zu liefern, auf die sich alle Mitarbeiter freuen, die
gerne angewendet und die aktuell gehalten werden. Es ist nicht die
Aufgabe des Qualitätsmanagements, immer noch mehr Checklisten, Muster
und Vorlagen zu entwickeln, die von immer weniger Mitarbeitern verwendet
werden.
Probleme mit der Qualität – was tun?
Bei auftauchenden Qualitätsmängeln Ihrer Leistungen sollten Sie genau
hinsehen. Ist das Qualitätsproblem ein kanzleiweites Problem oder gibt
es nur bei einem Mitarbeiter bzw. einigen Mitarbeitern Defizite? In
ersterem Fall kann das Qualitätsmanagement eine sinnvolle Lösung
liefern. Im zweiten Fall ist der Versuch des Behebens der
Qualitätsmängel über Tools des Qualitätsmanagements zum Scheitern
verurteilt. Jene Mitarbeiter, die sauber arbeiten, fragen sich, was denn
nun die „neue Arbeitsanweisung“ (so wird das oft genannt) bringen soll,
und sie fühlen sich gegängelt. Und jene Mitarbeiter, die Schwierigkeiten
haben, werden mit großer Wahrscheinlichkeit auch diese Arbeitsanweisung
nicht in dem Ausmaß berücksichtigen, wie es notwendig ist. Damit haben
Sie für Frustration bei allen Beteiligten gesorgt.
Die Lösung von Qualitätsdefiziten bei einzelnen Mitarbeitern ist ein
klärendes Gespräch mit den betroffenen Mitarbeitern, eindeutige
Vereinbarungen und das Nachverfolgen der Umsetzung. „Das ist ja richtig
anstrengend“, kann ich Sie schon denken hören. Viele kennen bereits
meine Antwort darauf: „Herzlich willkommen in der Welt des
Managements!“
Mit- und Vorausdenken statt Abhaken
Die Grenzen des Qualitätsmanagements liegen vor allem dort, wo der
Klient ins Spiel kommt. Ein kleines Beispiel: Bei den
Buchhaltungsunterlagen fehlen Belege, die der Klient noch liefern
sollte. Im QM-Handbuch gibt es einen perfekten Brief zur Anforderung von
Belegen an den Klienten, den der Mitarbeiter auch verwendet und dann das
Kästchen „fehlende Belege anfordern“ auf der Checkliste abhakt. Nur – es
geschieht nichts, der Klient liefert die Belege nicht. Der Mitarbeiter
schreibt im darauf folgenden Monat wieder den perfekt formulierten
Musterbrief. Und wieder geschieht nichts! So kann das über einen
längeren Zeitraum gehen.
Der Mitarbeiter hat im Sinne des Qualitätsmanagements alles richtig
gemacht und mit gutem Gewissen kann er von sich behaupten, eine gute
Leistung erbracht zu haben. Möglicherweise steht im QM-Handbuch eine
Anweisung, wie vorzugehen ist, wenn der Klient angeforderte Belege nicht
liefert: Ein Telefongespräch führen? Der Kanzleileitung melden? Einen
eingeschriebenen Brief schicken? Nur – es kann zig Gründe geben, warum
der Klient die Belege nicht liefert bzw. nicht liefern kann. Wie ist
dieses kleine Beispiel über das Qualitätsmanagement (Standards,
Routinen, Vorlagen etc.) zu lösen? Ich meine, dass es gar nicht zu lösen
ist!
Gefragt ist hier Mit- und Vorausdenken: Das heißt: Den Klienten gut
einschätzen zu können. Sich über den Lieferanten oder die Bank die
notwendigen Informationen holen. Den Klienten zu besuchen und die Belege
selbst zu suchen. Ein Gespräch mit dem Kanzleiinhaber/Partner zu führen.
Etc., etc.
All diese Möglichkeiten können nie in sinnvoller Weise in einem
QM-Handbuch abgebildet werden. Würde man nämlich alle Optionen
darstellen (dokumentieren), würde das Handbuch eine ganze Bibliothek
füllen, die sicher von niemandem gelesen wird. Übrigens, machen Sie doch
einmal einen Test über den Wissenstand zum Inhalt des
Qualitätshandbuchs. Und beginnen Sie bei sich selbst!
Klienteneingriffe managen
Der typische Klient einer typischen Steuerberatungskanzlei greift
laufend in die „Produktion“ der Dienstleistungen einer
Steuerberatungskanzlei ein. Anrufe zur Lohnabrechnung, Nachfragen zu
einem Zahlungsvorgang, Gespräche über die BWA, Nachreichen von
Reisespesenabrechnungen, usw. Es sind dauernde und unendliche
„Störungen“ durch den Klienten.
Das Management dieser „Eingriffe“ ist die Herausforderung Nummer eins
für ausgezeichnete Qualität. Dafür ist es notwendig, das richtige
Verhältnis zu finden zwischen
- Planung und Flexibilität,
- Standards und Individualität,
- Vorgaben und Freiräume,
- Ungestört arbeiten und erreichbar sein,
- Selbst entscheiden und Entscheidungen fordern.
Es sind im Wesentlichen fünf Arten von Unwägbarkeiten bei der
„Produktion“ von Dienstleistungen:
1) der Zeitrahmen des Klienten
2) die Erwartungen des Klienten
3) die Kompetenzen des Klienten
4) das Engagement des Klienten
5) das Qualitätsempfinden des Klienten
Und spätestens hier stößt das Qualitätsmanagement an seine
Grenzen.
Produktivität und Qualität
In den beiden Beiträgen
Produktivität
für Kopfarbeiter und
Produktivitätssteigerungen
"leicht" gemacht habe ich meine Überlegungen zur Produktivität
dargestellt. In Bezug auf die Qualität haben die dort getroffenen
Aussagen eine enorme Bedeutung. Insbesondere das vorgestellte
„ungestörte Arbeiten“ ist ein entscheidender Qualitätsfaktor.
Ich gehe davon aus, dass niemand Fehler absichtlich macht. Das wäre
nämlich Sabotage. Fehler passieren und oft sind es so genannte
Flüchtigkeitsfehler. Ein großer Teil dieser Fehler lässt sich durch
konzentriertes Arbeiten, d. h. weniger Ablenkungen und Störungen,
vermeiden. Das Befolgen der Tipps in den oben genannten Beiträgen hat
nicht nur eine höhere Produktivität, sondern auch eine
Qualitätsverbesserung zur Folge. Kommen diese Gedanken im üblichen
Qualitätsmanagement vor? Leider nein!
Redimensionierung des Qualitätsmanagements
Haben es Autoproduzenten leichter als Steuerberatungskanzleien? In
vielen Dingen sicher nicht. In Bezug auf das Qualitätsmanagement
allerdings schon. Der Kunde kommt dort beim Qualitätsmanagement der
Produktion nicht vor.
Meine Empfehlung zur richtigen Dimension des Qualitätsmanagements ist
vergleichbar mit dem bekannten Zitat zu Wald und Bäumen. Steuerberater
sollten in Sachen Qualitätsmanagement den Wald und nicht die ganzen
Bäume sehen. Immer wieder einen Schritt zurück machen, im Sinn von
Abstand einnehmen, und den Blick auf das Ganze werfen.
Man wird erkennen, dass sicher ein paar Bäume zu fällen sind. Dann
fällt allen auch die Orientierung leichter. Man sollte regelmäßig
„ausholzen“. Dann wird der Wald auch gesund wachsen.