Warum klassisches Marketing bei Steuerberatern versagt
Ein Gespräch mit dem Business Consultant
Stellen Sie sich mal folgendes Szenario vor: Ein Unternehmensberater -
Business Consultant, perfekt ausgebildet in „Business- und
Marketingstrategien“ - versucht, einem angehenden Steuerberater zu
helfen, eine Kanzlei auf die Beine zu stellen, die finanziell Erfolg
haben und wachsen soll.
Business Consultant: Es freut mich, Sie kennen zu
lernen. Herzlichen Dank für Ihre Einladung. Sehr gerne spreche ich mit
Ihnen über Ihr potenzielles neues Unternehmen. Was für eine Art
von Geschäft möchten Sie denn anfangen?
Steuerberater: Ich freue mich auch, Sie kennen zu
lernen. Ich bin Steuerberater, habe 10 Jahre lang in bekannten Kanzleien
gearbeitet und nun möchte ich mit einigen meiner Partner weg. Ich werde
meine eigene Kanzlei hier in der Stadt gründen.
BC: Sehrt gut. Ich werde Ihnen einige Fragen stellen,
um die Realisierbarkeit und das Potenzial Ihrer neuen Kanzlei abschätzen
zu können und Ihnen mit Ihrer Marketingstrategie zu helfen. Sind Sie
bereit?
StB: Gerne, ich habe ja keine Erfahrung mit
Marketingstrategien.
BC: Wie groß ist der Markt für Steuerberater?
StB: Das weiß ich nicht, und ich habe auch nicht vor,
es herauszufinden. Ich meine, es ist nicht notwendig, weil es nicht
wirklich wichtig ist. Es reicht doch, dass es genügend Geschäft gibt, um
eine Kanzlei zu eröffnen und zu vergrößern.
BC: O.k. Wissen Sie, welchen Marktanteil Sie mit Ihrer
Firma erreichen wollen?
StB: Keine Ahnung. Ich nehme mal an, dass er,
zumindest für ein paar Jahre, unter 1 % sein wird.
BC: Sehr gut. Gibt es andere Unternehmen auf diesem
Markt?
StB: Ja, und sie machen das größtenteils sehr
gut.
BC: Inwiefern werden die Dienste, die Sie anbieten,
einzigartig und anders als die anderen sein?
StB: Werden sie nicht. Ich werde so ziemlich die
gleichen Dienste anbieten wie andere Firmen auch. Ich werde mich auf
mein Fachgebiet konzentrieren und das meiner Partner, die mit mir
anfangen: Steuerberatung, Jahresabschlüsse und Beratung bei typischen
Vorgängen wie Rechtsformentscheidungen, Übergaben etc.
BC: Verstehe. Welche Marktforschung werden Sie
anstellen, um Ihre Kanzlei und Ihre Dienstleistungen richtig gegen die
Konkurrenz zu positionieren?
StB: Gar keine. Wir werden uns nicht an den Meinungen
des Marktes orientieren, um zu erfahren, was Menschen sich von einer
Firma erwarten. Wenn wir versuchen etwas anderes zu sein, als wir sind,
wirken wir unaufrichtig, und das wollen wir nicht. Was wir tagtäglich in
unserem Beruf leisten, wird eher wahrgenommen als das, was wir sagen.
Wir werden einfach wir selber sein und diese Botschaft in unseren
Marketingunterlagen vermitteln, dann werden wir uns unablässig dem
Versuch widmen, unseren Versprechungen durch perfekten Service gerecht
zu werden.
BC: Also werden Sie keine Marktforschung betreiben, um
das Image Ihrer Kanzlei und Ihre Marke zu gestalten?
StB: Nein, denn keiner mag Politiker, die ihre Wähler
befragen und dann eine Politik entwickeln, nur weil gerade die eine oder
andere Idee beliebt ist. Menschen wünschen sich von ihren gewählten
Vertretern Aufrichtigkeit und Überzeugung, nicht Unschlüssigkeit.
Dasselbe gilt auch für Freiberufler wie beispielsweise Steuerberater.
Natürlich können wir der Form halber unsere Klienten befragen, um sicher
zu gehen, dass sie mit den Dienstleistungen, die sie erhalten, zufrieden
sind, und auf den Ergebnissen der Befragungen basierend unsere
Arbeitsweise anpassen.
BC: Können Sie Ihre Konkurrenz preislich untergraben,
um an Marktanteile zu kommen?
StB: Nein, und das würden wir auch nicht wollen. Unser
Service ist von höchster Qualität, unsere Mitarbeiter sind top
ausgebildet und damit sind wir unseren Preis wert. Es ist also
angemessen, dass wir hohe Honorare verrechnen.
BC: Wenn Ihre Kanzlei gut läuft und Sie einen gewissen
Marktanteil haben, was wird andere Kanzleien davon abhalten, einen
ähnlichen Service wie Sie anzubieten und damit zu versuchen, Ihre
Klienten abzuwerben?
StB: Nichts wird andere Kanzleien davon abhalten,
ähnliche Dienstleistungen anzubieten oder unsere Klienten abzuwerben. Um
unsere Klienten zu halten, werden wir einfach unsere besten Mitarbeiter
an uns binden, sodass wir großartige Arbeit verrichten, unsere Kosten
angebracht verwalten und uns bemühen, die Erwartungen unserer Klienten
täglich zu übertreffen.
BC: Herzlichen Dank für das Gespräch und ich wünsche
Ihnen viel Glück mit Ihrer Kanzlei. (Sie werden es nie schaffen.)
Der oben genannte Consultant sieht die Zukunft dieser neuen Kanzlei
vermutlich nicht besonders rosig. Jede Kernfrage, die man ihm in seiner
Ausbildung zu stellen beigebracht hat, wurde nicht nur nicht
erwartungsgemäß beantwortet, sondern sogar widersprochen. Zweifelsfrei
kann diese neue Kanzlei – aus seiner Sicht – keinen Erfolg haben.
Wie schätzen Sie die Erfolgschancen des Steuerberaters ein?
Und warum?
Übrigens, wie haben Sie Ihre Kanzlei gegründet?
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