Der Versuch einer Gesamtbetrachtung
Der Begriff Strategie wird in der heutigen Zeit inflationär verwendet und
ist dadurch ziemlich unklar geworden. Üblicherweise versteht man
unter „Strategie“, was das Unternehmen erreichen will, wo das
Unternehmen in den nächsten fünf bis zehn Jahren stehen will etc. Gibt
man sich mit dieser Auffassung zufrieden, stellt sich sehr schnell
heraus, dass viele Unternehmen das Gleiche wollen. Darin liegt wohl kaum
das Spezifische des Begriffs (z. B. ausgezeichnetes Service zu bieten,
ein gewisses Wachstum aufweisen zu können, ein neues Marktsegment zu
erobern, besondere Kunden zu haben etc.). Dabei handelt es sich eher um
einen Positionierungswunsch als eine Strategie.
David Maister hat sich intensiv mit dem Thema „Strategie für
Freiberufler“ auseinandergesetzt. Ich möchte in der Folge seine Ansätze
erläutern und zeigen, wie Sie die von ihm vertretene Auffassung von
Strategie in Ihrer Kanzlei umsetzen können.
Ausgangspunkt ist „wertvoller werden“
Aufgabe jeder Strategie ist es, erstens Wege zu finden, wie man als
Steuerberater wertvoller für seine Klienten wird, und zweitens
sicherzustellen, dass diese Wege auch beschritten werden. Der folgende
Beitrag ist „unlogischerweise“ verkehrt herum aufgebaut. Der Grund dafür
liegt darin, dass die Sicherstellung der Umsetzung deutlich schwieriger
ist als die Beantwortung der Frage, wie man für Klienten wertvoller
wird. Am Ende des Beitrags stelle ich die praktische Vorgangsweise
vor.
David Maister (Managing the Professional Service Firm) nennt die
folgenden Grundsätze, die bei der strategischen Planung beachtet werden
sollen:
1. Bei Strategie geht es mehr um den Aufbau von
Kapazitäten als um Marketing.
2. Strategie ist in erster Linie ein Prozess der
Festlegung von Investitionsprioritäten.
3. Strategie soll sich in erster Linie mit der
Verbesserung der bestehenden Geschäftstätigkeit beschäftigen, und erst
danach sollten neue Märkte und Dienstleistungen in Betracht gezogen
werden.
4. Strategieentwicklung ist in erster Linie eine
kreative Tätigkeit und nicht nur eine analytische.
5. Das Ziel von Strategie ist nicht, vorherzusagen,
in welche Richtung sich der Markt bewegt, sondern ein flexibles
Unternehmen zu schaffen, das sich jeglicher Marktentwicklung anpassen
kann.
6. Der größte Wert strategischer Planung besteht
darin, herauszufinden, wie man die „Ideen in die Praxis umsetzt“. Es
geht nicht so sehr darum, was Sie tun sollten, sondern wie es getan
werden kann.
7. Bei der Umsetzung strategischer Vorhaben in die
Praxis kann die strategische Planung nicht auf Überprüfungen der
Hauptstrategien des Unternehmens verzichten, wie z. B. der
Führungsprozesse, Vergütungssysteme, Bemessungssysteme und
Struktur.
Dadurch wird der Begriff „Strategie“ deutlich klarer: Kompetenzen,
Fähigkeiten und die Bereitschaft zu investieren (vor allem Zeit)
gemeinsam mit konsequentem Handeln entscheiden über die Wirksamkeit
jeder Strategie.
Aus dieser Perspektive betrachtet hat strategisches Vorgehen sehr viel
mit dem Einhalten einer gesunden Lebensweise im Allgemeinen
gemein.
Strategie und Diät - erfolgreich ist, wer sie nicht aufgibt
Wir wissen üblicherweise genau, was wir tun sollten. Privat wie
beruflich ist uns, wenn wir ehrlich sind, meist uneingeschränkt und
eindeutig klar, was wir tun sollten, wie wir dabei vorgehen müssten und
warum wir so vorgehen sollten.
Niemandem muss erklärt werden, dass gesünderes Essen, mehr Bewegung,
weniger Alkohol und der Verzicht auf Zigaretten gut für unsere
Gesundheit ist. Genauso wenig muss einem Steuerberater erklärt werden,
dass noch stärkerer Aufbau von Klientenbeziehungen, Förderung der
Mitarbeiter, klare Zielvereinbarungen, Delegieren von Aufgaben,
exzellente interne Kommunikation etc. sich auf die Kanzleientwicklung
äußerst positiv auswirken.
Tatsache ist allerdings, dass nur die wenigsten auch dementsprechend
handeln. Jeder von uns möchte die Früchte der offensichtlich positiven
Verhaltensweisen (z. B. gesünderes Essen und mehr Bewegung bzw. bessere
Klientenbeziehung und Delegieren von Aufgaben) ernten. Also muss es
einen Grund dafür geben, warum die Welt nicht nur aus idealgewichtigen
und gesunden Menschen bzw. äußerst erfolgreichen Steuerberatern
besteht.
Man denkt, es müsste genügen, den Menschen zu erklären, dass ihr Leben
bzw. ihr Unternehmen besser sein könnte, wie man dabei vorgehen sollte und dass sich ihre Anstrengungen lohnen werden. Trotzdem ist diese
Auffassung nachgewiesenermaßen falsch. Wenn es nämlich so wäre, gäbe es
keine Übergewichtigen, keine Alkoholiker, keine Drogenabhängigen, keine
Unternehmen in Schwierigkeiten und keine gescheiterten
Beziehungen.
Menschen sind anders „gestrickt“
Die wesentlichste Ursache dafür, dass wir nicht an denjenigen Aufgaben
arbeiten, von denen wir wissen, dass sie den größten Effekt haben, liegt
darin, dass wir die Ergebnisse erst in der Zukunft erhalten, Anstrengung
und Disziplin aber sofort aufzubringen sind.
Um unsere Ziele zu erreichen, müssen wir jetzt unsere
Lebensgewohnheiten (Arbeitsweisen) ändern. Dann müssen wir Mut und
Energie aufbringen, die neuen Verhaltensweisen beizubehalten, um nicht
durch Verlockungen in alte Gewohnheiten zurückzufallen. Nur so ernten
wir später die Früchte unserer Anstrengungen. Leider sind wir Menschen
nicht alle für derartige Entscheidungen geschaffen.
Wie oft haben wir uns schon vorgenommen, uns durch ein (persönliches
oder berufliches) „Fitnessprogramm“ zu verbessern? Wenn sich jedoch der
Erfolg nicht sofort eingestellt hat oder es einen „guten Grund“ gab,
wurde das Programm zur Gänze gestoppt. Das ist ein typisches Muster:
Sich viel vornehmen, ein wenig ausprobieren, nicht sofort den
gewünschten Erfolg haben, bei den ersten Ablenkungen oder
Schwierigkeiten aufgeben, den nächsten Versuch starten, wieder
(zögerlich) ausprobieren, sich wieder abbringen lassen und frustriert
enden. Menschen, die gegen dieses Muster gewappnet sind und
Selbstdisziplin aufbringen, nicht aufzugeben, sind – nach meiner
Erfahrung – die Ausnahme.
Individuelle Veränderungsprozesse sind auf Grund der beschriebenen
Tatsache schon schwierig genug. Für einen Veränderungsprozess in einer
Gruppe potenziert sich die Herausforderung.
Welche „Strategie“? Welche „Diät“?
Die erfolgreichste Diät ist die, die man beibehält. Es ist belanglos,
für welche Diät man sich entscheidet. Genauso ist es bei der Frage nach
der Strategie. Die erfolgreichste Strategie ist die, die man
beibehält.
Dazu allerdings eine kleine Einschränkung: Sie kennen sicher den
Jo-Jo-Effekt bei Diäten. Das Gewicht, das man schnell verliert, hat man
genauso schnell – mit ein paar Kilo mehr – wieder auf den Rippen. Eine
Diät funktioniert also niemals in einem Schnellverfahren. Die bekannten
Modediäten erzeugen lediglich den Markt für weitere Modediäten. Nur die
kontinuierliche Gewichtsabnahme über einen längeren Zeitraum führt zu
einem dauerhaften Erfolg. Dafür bedarf es aber immer einer Umstellung
der Lebensgewohnheiten.
Auch das gilt uneingeschränkt für die Strategie eines Unternehmens.
Eine Strategie, die kurzfristig und unmittelbar zum Erfolg führen soll,
ist ein Widerspruch in sich. Strategie und Kurzfristigkeit passen nicht
zusammen. Entscheidend sind die kontinuierlichen und über einen längeren
Zeitraum beibehaltenen Verhaltensweisen des gesamten Teams. Für den
Erfolg einer Strategie bedarf es immer einer Umstellung der Gewohnheiten
in der Kanzlei.
Die Frage nach der richtigen Strategie wird häufig durch aufwändige
Analysen zu beantworten versucht. Es ist in Ordnung und natürlich
notwendig, eine saubere Klientenanalyse vorzunehmen und sich mit seinen
Stärken und Schwächen zu beschäftigen, das Ziel einer strategischen
Planung liegt aber nicht in analytischen Erkenntnissen, sondern in der
Lösung der Probleme und der Umsetzung der vereinbarten Maßnahmen. Daher
lauten die entscheidenden Fragen: „Welche unserer Vorgangsweisen sind
wir wirklich bereit, dauernd und für immer zu verändern? Welche Themen
sind wir bereit, wirklich zu bearbeiten? Welche Kompetenzen wollen wir
wirklich aufbauen?“ Das ist eine ganz andere Art der Fragestellung.
Ziele zu diskutieren macht Spaß und ist anregend. Aber darüber zu
diskutieren, welche Disziplin man zu akzeptieren bereit ist, um die
Ziele zu erreichen, ist unangenehm und manchmal sogar bedrohlich.
Zwei typische Beispiele
Wir alle sind uns sicher einig, dass das Ziel „Differenzierung am Markt
durch exzellenten Klientenservice“ sinnvoll ist. Die meisten Kanzleien
verfügen über ein derartiges Ziel. Wie viele Kanzleien sind aber bereit,
vierteljährlich ein E-Mail an alle Klienten zu schicken, um sie darin
aufzufordern, durch das Anklicken der Ampel im E-Mail den Grad ihrer
Zufriedenheit bekannt zu geben? „Grün“ steht für volle Zufriedenheit,
„Gelb“ bedeutet, dass es gewisse Vorbehalte gibt, und „Rot“ heißt
Unzufriedenheit. Alle E-Mails, die mit „Gelb“ oder „Rot“ beantwortet
werden, erhält der Inhaber bzw. Partner, der sich verpflichtet, sich
persönlich um diese Klienten zu kümmern. Die Ergebnisse werden allen
Mitarbeitern in der Kanzlei bekannt gemacht, sodass auch die Sekretärin
den Erfolg des Teamleiters, Inhabers oder Partners erkennen kann.
Genauso schnell sind wir uns einig, dass die professionelle Führung der
Mitarbeiter ein Erfolgsfaktor für das Unternehmen ist. Wie viele
Inhaber, Partner oder Teamleiter sind aber bereit, sich einer
monatlichen Bewertung ihrer Führungsqualitäten durch die Mitarbeiter
anhand eines kurzen Fragebogens zu unterwerfen? Die Ergebnisse werden in
der Kanzlei allen offengelegt und bei den monatlichen Kanzleimeetings
besprochen.
Erfolgskriterien für Strategie und Diät
Die folgenden acht Punkte bilden einen guten Startpunkt für die
Realisierung von strategischen Zielen. Selbst wenn Sie nicht alle
Vorschläge in den strategischen Plan integrieren können, so helfen
selbst schon einzelne Punkte, gesetzte Ziele leichter zu
erreichen.
1. Einbau in die tägliche Routine:
Sie möchten laufen? Dann laufen Sie täglich. Die meisten kennen diesen
Rat. Laufen muss zu einem ganz normalen Bestandteil Ihres Tagesablaufs
werden. Ähnlich ist es in der Kanzlei: Ihre Ziele müssen in das tägliche
Kanzleigeschäft integriert werden. Strategie und Kanzleientwicklung sind
keine „Projekte“. Ihre strategischen Ziele müssen Inhalt jeder
Kanzleibesprechung sein; kommunizieren Sie wöchentlich die Fortschritte;
verwenden Sie und Ihre leitenden Mitarbeiter täglich 15 Minuten für die
Erreichung der Ziele.
2. Große Ziele in kleine Schritte
zerlegen: Das Ziel, 25 kg abnehmen zu wollen, kann äußerst
frustrierend sein, weil man es sich einfach nicht vorstellen kann. Jede
Woche ein halbes Kilo dürfte aber für die meisten möglich sein. In einem
Jahr haben Sie 25 kg geschafft. Bei der Umsetzung von strategischen
Maßnahmen geht es immer um eine relative Verbesserung. Sobald man sich
verbessert, auch wenn es nur kleine Schritte sind, ist man auf dem
richtigen Weg.
3. Maßeinheiten anpassen: Messen Sie
das, was Sie verbessern möchten. Ob z. B. die Klientenzufriedenheit
steigt, erfährt man nur, wenn man sie misst.
4. Freiwilligkeit: Diäten
funktionieren, wenn man sie für sich selbst macht. Selten bis gar nicht
nimmt man ab, wenn man es jemandem anderen zuliebe macht. Die eigene
Entscheidung, der eigene Wille, die Selbstverpflichtung sind stärker als
„es anderen recht machen wollen“. Inhaber, Partner, Teamleiter,
Mitarbeiter – eben alle Menschen im Unternehmen – müssen für sich selbst
die gesetzten Ziele erreichen wollen.
5. Prinzipien und Werte: Über
Techniken, Maßnahmen und Geschäftspraktiken lässt sich leicht streiten.
Über Prinzipien und Werte kann man nicht diskutieren. Unternehmen, die
über Werte und Prinzipien verfügen, tun sich leichter bei der Umsetzung
von Maßnahmen.
6. Trainer und Coach: Die Tatsache,
dass ein Coach hilft, die eigenen Ziele zu erreichen, ist aus dem
Spitzensport bekannt. Selbst die Weltklasse (egal in welcher Sportart)
weiß um die Vorzüge eines Trainers.
7. Die „richtigen“ Menschen: Stellen
Sie sich vor, Sie möchten abnehmen, aber Ihr Lebenspartner nimmt Ihren
Vorsatz nicht ernst. Es ist ja schon schwierig genug, den sich immer
wieder bietenden Verlockungen zu widerstehen. Jetzt käme dazu, dass Sie
auch noch von Ihrem Lebenspartner immer wieder „verführt“ werden
(opulentes Essen zu Hause oder im Restaurant etc.). Nur wenn Sie
Menschen um sich haben, die hinter Ihren Zielen stehen und Sie dabei
unterstützen, werden Sie Erfolg haben. Sind Ihre Mitarbeiter bereit,
ihren Teil zur Erreichung der Ziele beizutragen? Solange das nicht so
ist, werden Sie scheitern. Finden Sie Mitarbeiter, die die
Unternehmensziele tragen, und trennen sie sich von allen, die das nicht
tun.
8. Sich selbst „überlisten“: Wir
brauchen in schwierigen Situationen einen Trick, um uns selbst zu
überlisten: „Nur noch eine Runde, dann habe ich mir eine Pause
verdient!“ oder „Jetzt sage ich allen Freunden, dass ich aufhöre zu
rauchen, dann ist es mir zu blöd, wenn ich es nicht schaffe“. Suchen Sie
in der Kanzlei nach Möglichkeiten, z. B. kleine Erfolge zu feiern,
spielerisch Ergebnisse darzustellen oder sich selbst zu
verpflichten.
Schenken Sie bei der strategischen Planung der Analyse nicht zu viel
Bedeutung. Legen Sie Ihren Fokus auf die genannten Erfolgskriterien.
Welche „Diät“ sind Sie bereit, wirklich einzuhalten? Vorschläge für
„Diäten“ – also Strategien, wertvoller für Klienten zu werden – finden
sie im Folgenden.
Falls Sie dabei feststellen, dass Sie zu keiner „Diät“ bereit sind, so
ist das auch in Ordnung. Hören Sie dann aber auch auf, so zu tun als
ob.
Wie wertvoller werden?
Eine Steuerberatungskanzlei kann auf vielfältige Art und Weise
wertvoller für den Klienten werden. Z. B.:
- Durch die Art der Mitarbeiterrekrutierung; indem Sie nur die
wirklich besten Mitarbeiter engagieren.
- Durch das Training der Mitarbeiter; indem Sie über ein intensives
Schulungs- und Fortbildungsprogramm verfügen.
- Durch innovative Methoden in der Erbringung der
Dienstleistung.
- Durch besseres Verstehen Ihres Klienten; das bedeutet, dass Sie
also wirklich wissen, was der Klient will.
- Durch besondere Erfahrungen; insbesondere Branchenerfahrung.
- Durch bessere Organisation Ihrer Kanzlei und/oder eine
Spezialisierung.
- Durch spezifisches und außergewöhnliches Expertenwissen.
Es wäre vermessen, davon auszugehen, dass eine kleine oder mittlere
Kanzlei all diese Punkte gleichzeitig realisieren kann. Das ist auch gar
nicht notwendig. Entscheiden Sie sich für ein oder zwei der genannten
Möglichkeiten und arbeiten Sie ausschließlich an diesen. Das reicht
verlässlich, sich am Markt zu differenzieren und den Wert für Ihre
Klienten zu erhöhen.
Strategie als die Kunst, „Nein“ zu sagen
Jede Entscheidung – und eben besonders eine strategische Entscheidung –
hat immer zur Folge, dass man damit alle anderen Alternativen abwählt.
Entscheidungen zu treffen, fällt nicht leicht. Ganz im Gegenteil, es
fällt schwer, obwohl man schon als Kind bzw. Jugendlicher gelernt
hat:
- „Du kannst nicht auf zwei Hochzeiten tanzen.“ (z. B. wenn man nicht
wusste, welche der Partys man am gleichen Tag besuchen sollte)
- „Wenn Du alles gleichzeitig willst, dann wirst Du am Schluss
gar nichts erreichen.“
- „Man kann es nie allen recht machen.“
- „Du kannst nicht in allen Sportarten gut sein. Es reicht doch,
wenn du das oder jenes beherrschst.“
Diese scheinbar trivialen Erkenntnisse des gesunden Menschenverstandes
gehen im Geschäftsleben oft verloren bzw. glaubt man, sie würden dort
nicht gelten.
Und das, obwohl seit mehr als 30 Jahren nachgewiesen ist, dass die
„Focused Factory“ der „Complex Factory“ überlegen ist (Wickham
Skinner). Die Kernaussage dieses Konzepts ist:
- Es gibt außer den geringsten Kosten noch weitere Möglichkeiten, um
am Markt zu bestehen.
- Ein Unternehmen kann nicht in allen Bereichen außergewöhnlich
sein.
- Einfachheit und Wiederholung erzeugen Wettbewerbsvorteile.
Diese Regeln haben immer gegolten und werden immer gelten: Man kann
nicht überall besser sein als die Mitbewerber. Es reicht absolut, wenn
man ein oder zwei Dinge besser kann als der Rest.
Denken Sie jetzt einfach kurz an Ihre strategischen Entscheidungen: Es
ist ziemlich leicht, sich für etwas zu entscheiden (z. B. ein neues
Geschäftsfeld angehen oder sich auf eine besondere Aufgabe konzentrieren
zu wollen), aber es ist verdammt schwer, sich von etwas zu trennen. Sich
eindeutig für etwas zu entscheiden, was auch immer das ist, bedeutet,
dass Sie alle übrigen Alternativen damit abwählen. Genau darin liegt der
Knackpunkt für die strategische Ausrichtung der Kanzlei.
Umsatzdenken als Ursache?
Bei den meisten Kanzleien liegt die Ursache für eine eindeutige
strategische Ausrichtung weit in der Vergangenheit, oft schon ganz am
Beginn: Bei der Gründung der Kanzlei war es notwendig, Aufträge – jeder
Art – zu bekommen. Jeder Umsatz war in dieser Phase willkommen. Und das
setzt sich bis heute fort. Die Grundeinstellung „Warum sollten wir einen
Klienten, der uns Geld bringt, ablehnen?“ ist Realität in nahezu der
gesamten Branche.
Das führte allerdings dazu, dass man oft zu wenig Zeit für die wirklich
interessanten Aufgaben hatte, man kein Unterscheidungsmerkmal – welcher
Art auch immer – aufbauen konnte, dass man austauschbar und beliebig
wurde.
Strategieentwicklung praktisch – das Strategiemeeting und der
Aktionsplan
Eine wirksame Methode der Festlegung einer Kanzleistrategie ist die
Durchführung eines Strategiemeetings. Verlassen Sie für ein Wochenende
mit Ihrem Führungsteam die Kanzlei und erarbeiten Sie gemeinsam die
Ziele und strategischen Maßnahmen.
Auf diesen Vorschlag kann es Ihrerseits jetzt drei grundsätzliche
Reaktionen geben, die von Ihren bisherigen Erfahrungen abhängen:
1. Sie haben bisher noch nie etwas Ähnliches gemacht
und denken sich daher: „Und was soll das bringen?“ In der Folge möchte
ich Ihnen als Antwort auf die Frage ein paar gute Gründe geben.
2. Sie haben bisher schon ein- oder mehrmals ein
Strategiemeeting gemacht, aber leider waren Sie enttäuscht, dass die
Ergebnisse nicht Ihren Erwartungen entsprachen. In diesem Fall hoffe
ich, dass Ihnen meine Tipps helfen, Ihren Standpunkt noch einmal zu
überdenken.
3. Sie haben bisher schon sehr erfolgreich
Strategiemeetings mit Ihrem Team gemacht. Dann sehen Sie sich von meinen
Ausführungen bestätigt und finden vielleicht den einen oder anderen
Hinweis darauf, wie Ihnen das nächste Strategiemeeting noch besser
gelingen kann.
Gleich vorweg: Ein Strategiewochenende ist kein Betriebsausflug, Urlaub
oder Ähnliches. Es hat im Wesentlichen folgende Ziele:
- Entwicklung/Überarbeitung des strategischen Plans der Kanzlei
- Konzentration und Bewusstmachen der kritischen
Erfolgsfaktoren
- Verbesserung des Teamgefühls
- Finden neuer Serviceideen
- Steigerung der Energiepotenziale des Teams
Planung des Strategiemeetings
Planung ist der Schlüssel für den Erfolg des Strategiemeetings. Stellen
Sie klar fest, was Sie erreichen möchten. Fragen Sie Ihr Team nach
möglichen Inhalten.
Planen Sie den Termin ca. drei Monate im Voraus. Erstellen Sie zu
diesem Zeitpunkt schon einen provisorischen Tagesablauf, den Sie allen
Teammitgliedern zukommen lassen, damit diese ihre Ergänzungen und
Wünsche bekannt geben können. Setzen Sie bei den Themen klare
Prioritäten, damit sichergestellt ist, dass die wichtigen Themen auf
jeden Fall behandelt werden.
Halten Sie das Strategiemeeting keinesfalls in der Kanzlei ab. Durch
das Zurückziehen an einen anderen Ort ist es leichter, die Kanzlei „von
der Ferne“ zu sehen. Es gelingt Ihnen daher eher, an der Kanzlei und
nicht in der Kanzlei zu arbeiten. Achten Sie bei der Auswahl des Ortes
darauf, dass Sie mit Ihrem Team auch andere Aktivitäten unternehmen
können. Versuchen Sie, eine ausgewogene Mischung aus „Arbeitszeit“ und
gemeinsamer „Freizeit“ herzustellen.
Externer Moderator
Ein externer Moderator kann die Themen objektiv betrachten und hilft
Ihnen, immer am Ball zu bleiben. Für Sie als Kanzleiinhaber oder Partner
kann es schwer sein, Ihre Meinung auszudrücken und gleichzeitig einen
Konsens zu erreichen. Oft wird durch eine kanzleiinterne Leitung des
Strategiemeetings die Mitarbeit der einzelnen Teammitglieder erschwert
oder verhindert, währenddessen ein externer Moderator über umfangreiche
Möglichkeiten verfügt:
- Er klärt die Ziele.
- Er kann Sie bei der Erstellung der Besprechungspunkte
unterstützen.
- Er kann die Regeln für das Wochenende fixieren und darauf achten,
dass diese auch eingehalten werden.
- Er kann aktive Mitarbeit fordern und fördern.
- Er ermöglicht eine zielgerichtete Vorgangsweise.
- Er kann zu Lösungen führen, die nicht berücksichtigt worden
wären.
Für eine erfolgreiche Moderation ist Fachkenntnis nicht unbedingt
erforderlich. In schwierigen Situationen kann sie allerdings
unschätzbaren Wert haben.
Ein externer Moderator kann Ihnen auch dabei helfen, das Mount-Everest-Syndrom zu vermeiden. Darunter versteht man, sich einfach zu viel
vorzunehmen. Bildlich gesprochen bedeutet das: Eine Gruppe von
Steuerberatern beschließt, einen Berg zu besteigen. Sehr schnell kommt
in der Gruppe die Stimmung auf: „Wenn wir schon Bergsteigen, dann aber
richtig." Alle reden schon ganz enthusiastisch davon, wie toll es sein
wird, auf dem höchsten Berg zu stehen und die Welt von oben zu sehen.
Die Gruppe bestimmt dann einen „Projektleiter“, der sich um alle
Vorbereitungen kümmern sollte. Gut gelaunt gehen Sie auseinander, ohne
darüber gesprochen zu haben, was die Expedition für alle bedeutet. Der
Projektleiter beginnt erst noch eifrig mit den Vorbereitungen. Aber
spätestens am zweiten Tag wird er durch eine dringende Betriebsprüfung
und eine komplizierte Berufung wieder in sein Tagesgeschäft
zurückgeholt. Das führt dazu, dass die Gruppe der Steuerberater nicht
einmal ins Flugzeug nach Nepal steigt und daher sogar das Basislager in
weiter Ferne ist.
Die Erfahrung aus unzähligen Strategiemeetings zeigt, dass ein paar
wenige Faktoren darüber entscheiden, ob sich die eingesetzte Zeit
lohnt:
- Gegenseitige Erwartungen der Partner bzw. leitenden Mitarbeiter
sollten geklärt werden.
- Das Meeting sollte auf die Stärken der Partner bzw. leitenden
Mitarbeiter fokussiert sein.
- Maximal drei Kernaufgaben der Inhaber/Partner bzw. der leitenden
Mitarbeiter sollten definiert werden, an deren Umsetzung sie sich in
den nächsten 1 bis 3 Jahren messen lassen wollen.
- Konkrete Maßnahmen im Zusammenhang mit diesen drei Kernaufgaben
pro Partner bzw. leitendem Mitarbeiter sollten ausgearbeitet
werden.
Der Aktionsplan
In einem zweiten Schritt informieren Sie alle Mitarbeiter über die
Ergebnisse des Strategiemeetings, die bestimmte grundlegende Richtung
und die getroffenen Entscheidungen.
In den einzelnen Abteilungen bzw. Teams können in der Folge diejenigen
Maßnahmen beschlossen werden, die zur Umsetzung der grundlegenden
Entscheidung notwendig sind. Dieser Schritt muss sehr wohl auf der Ebene
der Abteilungen oder Teams erfolgen, da die Mitarbeiter die Beschlüsse
auch ausführen müssen.
Dafür ist ein einfacher Aktionsplan hilfreich:
| Aktion |
Verantwortlich |
Notw. Zeit
|
Erl. bis
|
Wie überprüfen? |
Maßnahme 1
|
Name
|
Stunden/Tage
|
Datum
|
Erfolgskriterium/Messgröße
|
Schreiben Sie noch ganz dick den Satz „Es zählen nur Aktionen und keine
Ziele“ unter die Liste. Dieser kurze Satz hat eine entscheidende
Bedeutung: Nur Aktionen bringen die Kanzlei tatsächlich weiter.
Diese Vorgangsweise hat den Vorteil, dass man sich zu zeitintensive und
langwierige Diskussionen über Ziele erspart. Verstehen Sie mich bitte
richtig: Ich bin der Letzte, der sagen würde, dass man keine Ziele
braucht. Ganz im Gegenteil, sie sind unbedingt notwendig.
Im Zuge des Erstellens des Aktionsplans sollten Sie sich überlegen, wie
Sie
- die Klientenzufriedenheit erhöhen können,
- die Fähigkeiten der Kanzlei verbessern können,
- die Effizienz/Produktivität verbessern können oder
- bessere Aufträge bekommen können.
Genau das sind die grundsätzlichen Ziele jeder Steuerberatungskanzlei!
Diese grundsätzlichen Ziele bedürfen lediglich der Individualisierung
für Ihre Kanzlei (im Rahmen des Strategiemeetings).
Verantwortung, Budget und Erfolgskriterien
Der Erfolgsfaktor schlechthin ist wirksames Nachverfolgen der
beschlossenen Maßnahmen. Um das auch durchführen zu können, braucht jede
Maßnahme einen Verantwortlichen, genauer gesagt eine verantwortliche
Person. Verantwortung ist immer persönlich, was aber nicht gegen
Teamarbeit spricht. Die verantwortliche Person wird zwar zur Umsetzung
der beschlossenen Maßnahme meist ein Team brauchen, sie selbst ist aber
schlussendlich dafür verantwortlich, dass umgesetzt wird, was vereinbart
wurde.
Budgetieren Sie auch die notwendige Zeit und fixieren Sie ein konkretes
Datum, bis wann die geplante Aktion umgesetzt werden soll. Nur so haben
Sie eine reelle Grundlage für den Aktionsplan. Die besten Maßnahmen
helfen nichts, wenn die dafür notwendige Zeit fehlt. Seien Sie mit Ihrer
Einschätzung der notwendigen Zeit vorsichtig. Selbst wenn man eine
Maßnahme gründlich durchdenkt, lässt sich zu Beginn oft der Umfang der
Detailarbeit nicht erkennen.
Ein wichtiger Faktor für den späteren Erfolg der Umsetzung ist, dass
Sie bei jeder Maßnahme sofort festlegen, wie die Realisierung und der
Fortschritt überprüft werden.
Zeithorizont
Der Aktionsplan sollte einen Zeithorizont von drei bis maximal sechs
Monaten haben. Alle Maßnahmen, die darüber hinausgehen, sind zu
unbestimmt. Der Aktionsplan verliert damit an Wirksamkeit und ist zu
vage.
Nach drei Monaten analysieren Sie den Fortschritt der Aktionen und
beschließen den Aktionsplan für die nächsten drei Monate. Dieser Prozess
sollte sich ständig und regelmäßig wiederholen, nur dann zeigt er
Wirkung. Nehmen Sie sich daher beim ersten Mal nicht zu viel vor. Denn
diese Gefahr besteht leider. Viel besser und wirksamer ist es, konstant
an der Realisierung zu arbeiten. Es gilt das Erfolgsprinzip: Mäßig, aber
regelmäßig.
Resümee
Sie erkennen aus diesen Ausführungen, dass es mir um eine andere als die
üblicherweise verstandene Art der Strategieentwicklung geht. Sie
vermeidet die Ausarbeitung von großartigen strategischen Konzepten, die
nur selten bis gar nie umgesetzt werden. Stattdessen orientiert sie sich
ausschließlich an der Verwirklichung und Implementierung von Maßnahmen,
die Ihre Kanzlei für den Klienten wertvoller machen.
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