Weil am 31.12. immer die Sektkorken knallen!
Nur jede fünfte österreichische Steuerberatungskanzlei verfügt über ein
schriftliches Strategiekonzept (so das Ergebnis der Befragung der Kammer
der Wirtschaftstreuhänder im März 2007). Meine Einschätzung ist, dass
die Situation in Deutschland ähnlich ist. Nur die wenigsten
Steuerberater haben ihre zukünftige Marktposition, ihre
Unterscheidungsmerkmale, ihre zukünftigen Zielklienten, ihre
strategischen Erfolgsfaktoren etc. schriftlich festgehalten.
Und? Was ist das Problem?
Ist eine häufige Reaktion, wenn ich mit Kollegen über diese Tatsache
spreche. Der Steuerberatungsmarkt ist relativ stabil. Die Wachstumsraten
sind nicht berauschend, aber immerhin deutlich über anderen Branchen.
Die Gesetzgebung sorgt für kontinuierlichen Auftragseingang. Die meisten
Steuerberater sind froh, wenn Sie termingerecht die Aufträge abwickeln
und die größte Herausforderung besteht ja lediglich darin, qualifizierte
Mitarbeiter zu finden.
Ja, das ist eine Seite der Medaille und auch der Grund, warum
Steuerberater zu Silvester eine Extra-Sektflasche köpfen können. In
jener Sekunde, in der am 31.12. die Uhr von 24:00 auf 00:01 umspringt,
kann jeder Steuerberater schon ca. 90 – 95 % des letztjährigen Umsatzes
in seine Auftragsbücher schreiben. Warum sich also mit strategischen
Fragen beschäftigen?
Die zweite Seite der Medaille
Der Steuerberater wird immer mehr als umfassender Berater des
Unternehmers wahrgenommen, was ja auch das Ziel vieler Steuerberater
ist. Der derzeitige Anspruch ist, nicht nur die Vergangenheit (in
steuerlicher Hinsicht) gut zu dokumentieren, sondern auch erster
Ansprechpartner für unternehmerische Entscheidungen zu sein. Also, als
kompetenter Partner für strategische Fragen des Unternehmers
aufzutreten. So gesehen, trifft die Aussage „Strategie leidet Not“
genauso zu wie das bekannte „Handwerk leidet Not“: Dem Steuerberater
gelingt es leider genauso wenig, in der eigenen Kanzlei seine
Kompetenzen einzusetzen, wie es Handwerker verabsäumen, ihre
handwerklichen Fähigkeiten im eigenen Haus zu realisieren. Von welcher
Glaubwürdigkeit im Hinblick auf betriebswirtschaftliche Beratung darf
der Berufsstand reden, wenn nur ein Bruchteil der Kollegen in der
eigenen Kanzlei das tut und vorlebt, was er Klienten empfiehlt?
Kein Schönreden der Marktentwicklungen
Auf der zweiten Seite der Medaille steht auch die kritische Analyse der
Marktentwicklungen. Die Zeiten nahezu automatischer Umsatz- und
Gewinnsteigerungen sind längst vorbei. Der Steuerberatungsmarkt ist zu
einem Verdrängungsmarkt geworden. Die Zahl der Unternehmensneugründungen
hält sich die Waage mit Verkäufen, Übernahmen durch Konzerne,
Schließungen, Betriebsaufgaben in Folge von Pensionierung etc. Der Trend
zu größeren Kanzleien ist auch offensichtlich. Mittlere Kanzleien
geraten in die Schere zwischen den kleinen spezialisierten Kanzleien und
den Großkanzleien. Klienten sind preissensibler geworden. Neue Aufträge
gewinnt man meist nur durch Angebote.
Diese Marktentwicklung ist am Gewinn der Kanzleien zu spüren; in vielen
Fällen wird diese Entwicklung nur durch höheren Einsatz (des Inhabers
bzw. der Partner) wieder wettgemacht. Gewinn halten durch mehr Arbeiten
ist die Konsequenz … und das kann keine dauerhaft erfolgreiche Strategie
sein!
Wer schreibt, der bleibt …
… ist ein Sprichwort, das immer wieder verwendet wird. Meist im
Zusammenhang mit den Belegaufzeichnungen.
Die noch viel größere Bedeutung hat dieses Sprichwort jedoch mit der
Zielerreichung. Schriftlich formulierte Ziele haben eine größere
Erreichungswahrscheinlichkeit. Schriftlichkeit zwingt zu Klarheit.
Schriftlichkeit schafft mehr Verbindlichkeit und „Komm-mit-ment“.
All das spricht für ein schriftliches Strategiekonzept, einen
strategischen Plan, ein Strategiepapier oder wie auch immer Sie es
nennen mögen. Die Form ist nicht wesentlich. Worauf es ankommt, ist
Klarheit über die zukünftige – attraktive – Kanzleientwicklung. Welche
Klienten? Welche Leistungen? Welche Mitarbeiter? Welche Preise? Welche
Unterscheidungsmerkmale? Welche Organisations- und Führungsstruktur? Und
wie vorgehen?
Mitarbeiter für Ziele gewinnen!
Niemand widerspricht der Aussage, dass für die Realisierung von
strategischen Zielen, die Mitarbeiter eine, wenn nicht die,
entscheidende Rolle spielen. Ausgezeichnete Kommunikatoren und echte
Leader schaffen es auch ohne schriftliches Konzept, andere Menschen für
ihre Ziele zu gewinnen. Die wirklichen Profis, die auf Grund ihrer
enormen kommunikativen Fähigkeiten Mitarbeiter mitreißen können,
verzichten jedoch trotzdem nicht auf die Wirkung der
Schriftlichkeit.
Kein Kommunikationsgenie zu sein und auf Schriftlichkeit zu verzichten,
bedeutet daher – bitte verzeihen Sie – dilettantisch vorzugehen.
Warum Strategie mit einer Diät verglichen werden kann
Durch das Vorliegen eines Strategiekonzeptes alleine geschieht noch gar
nichts. Jegliche Erwartung auf dieser Grundlage wäre vollständig
überzogen. Die Realisierung einer Strategie hat sehr viele
Gemeinsamkeiten mit dem Durchhalten einer Diät. Darüber habe ich schon
ausführlich in
„Strategie
und Diät“ geschrieben.
Betonen möchte ich, dass jede Diät – wie auch jede Strategie –
funktioniert. Wenn man sie durchhält. Daher ist es bei der Entscheidung
für eine Strategie wichtig, dass man bereit ist, sie auch tatsächlich
durchzuziehen. Falls dem nicht so ist, sollte man sich nichts vormachen
und nicht so tun als ob. Damit erzeugt man lediglich Frustration auf
allen Seiten.
Lassen Sie die Sektkorken knallen!
Ich meine, es gibt vor allem einen Grund, die Sektkorken knallen zu
lassen: Nämlich dann, wenn Sie sich große Ziele gesetzt haben (z.B. in
Form eines Strategieplans), und Sie am Jahresende zurückblicken und zu
sich sagen können: „Wir haben unsere hohen Ziele erreicht! Auf zu neuen
Zielen!“
Ich wünsche Ihnen viel Erfolg dabei!
Mehr zum Thema Strategie finden Sie in der
Themenübersicht.
Interesse an den Ergebnissen des Strategie-Coachings? Österreichische
Steuerberater finden den Ergebnisbericht im geschlossenen Benutzerkreis
www.kwt.or.at.
Deutschen Kollegen schicke ich gerne den Ergebnisbericht.