Neue Betrachtungsweise eines falsch verstandenen Erfolgsfaktors
Unter Produktivität versteht man das Verhältnis zwischen Einsatz und
Ergebnis oder zwischen Input und Output. Für die Erzeugung von Dingen
trifft diese Betrachtungsweise uneingeschränkt zu: Wie gelingt es, in
möglichst kurzer Zeit oder mit möglichst wenig Einsatz ein bestimmtes
Produkt zu erzeugen?
Unter Produktivität in Steuerberatungskanzleien wird das Verhältnis
zwischen produktiven und unproduktiven Stunden verstanden. Die
Ergebnisse aus Branchenvergleichen zeigen immer wieder, dass sich die
besten Kanzleien (bezogen auf den Gewinn) von den durchschnittlichen
Kanzleien beim Faktor Produktivität nicht wesentlich unterscheiden (die
Produktivität – so definiert – liegt bei beiden knapp über 70 %). Ist
die Produktivität insofern bedeutungslos? Kann hier sinnvoll der Hebel
angesetzt werden? Falls ja, wie?
Eine andere Betrachtungsweise
Mit dem vorherrschenden Verständnis von Produktivität stößt man bei
Kopfarbeitern sehr schnell an Grenzen. Siehe dazu auch „Abschied von der
Zeiterfassung“ in Honorargestaltung
gegen alle Regeln. Es mag bei Finanzbuchhaltung und Lohnverrechnung
schon eine Bedeutung haben, z.B. festzustellen, wie viele Buchungszeilen
oder Lohnabrechnungen ein Mitarbeiter in einer Stunde leistet.
Produktivitätsverbesserungen bei abrechnungsorientierten
Dienstleistungen sind natürlich durch eine Fülle von Maßnahmen möglich,
wie z.B.:
- Technologie
- Training
- Prozesse und Standards
- Einsatz des „richtigen“ Mitarbeiters
- Wissensmanagement
Und unzweifelhaft sollten all diese Möglichkeiten ausgeschöpft
werden.
Der entscheidende Punkt ist allerdings ein ganz Anderer. Er liegt in
einer geänderten Definition von Produktivität: Produktivität ist das
genau Abschätzen der Zeit, die man braucht, um eine Arbeit ungestört zu
erledigen. D.h.:
1) Je besser es gelingt, vorher abzuschätzen, wie lange man für
eine gewisse Tätigkeit braucht, desto besser kann man seine Arbeiten
planen und vermeidet Leerläufe.
Und noch viel wichtiger:
2) Je ungestörter eine Tätigkeit erledigt werden kann, desto
wahrscheinlicher ist eine enorm höhere Produktivität!
Jeder – ja, wirklich jeder – weiß, dass Unterbrechungen und Störungen
DER größte Produktivitätskiller sind. Ein Telefonat mit dem Finanzamt,
ein paar E-mails zwischendurch, eine Frage des Kollegen und der Chef
will auch noch was wissen – wie kann man dabei produktiv einen
Jahresabschluss, eine Steuererklärung oder eine Buchhaltung erledigen?
Ganz zu schweigen von der Erstellung einer Berufung oder eines
Übergabekonzepts.
Es grenzt dann schon an Zynismus, wenn im Mitarbeitergespräch von
„zuwenig produktiven Stunden“ die Rede ist.
Produktivität bei Kopfarbeitern hat vor allem mit persönlicher
Arbeitsmethodik zu tun. Jeder – ja, wirklich jeder –
Mitarbeiter wird Ihnen bestätigen, dass ungestörtes Arbeiten enorm dazu
beitragen würde, seine Produktivität zu verbessern. Verfügt der
Mitarbeiter dann auch noch über die Fähigkeit, exakt einschätzen zu
können, wie lange er für die jeweilige Tätigkeit braucht (wenn er
ungestört arbeiten kann), dann funktioniert Arbeitsplanung und es steigt
die Produktivität (selbst wenn sich das Verhältnis der produktiven zu
den unproduktiven Stunden nicht ändert).
Produktivität (so verstanden) ist gemeinsam mit Innovation und
Marktstellung der stärkste Wachstumstreiber. Beim Kanzlei.Management.Forum
„Wachstum! Fluch oder Segen?“ werde ich diesen Wachstumstreibern auf
den Grund gehen. In den nächsten Newslettern mehr dazu!