Warum und wie "Werte und Prinzipien" die stärksten
Managementinstrumente sind
Erfolgreiche Kanzleien unterscheiden sich von anderen Kanzleien nicht
dadurch, dass sie unterschiedliche Ziele, genialere Strategien oder
spezielle Managementfertigkeiten haben – diese Dinge sind auffallend
ähnlich. Erfolgreiche Kanzleien unterscheiden sich vielmehr dadurch von
anderen, dass sie konsequent und strikt an Werten und Prinzipien
festhalten. Über Managementmethoden kann man leicht diskutieren und sie
verwerfen. Gegen Prinzipien und Werte kommt man dagegen nicht so leicht
an.
Ich bin der Überzeugung, dass Kanzleiwerte und -prinzipien, wenn sie
richtig eingesetzt sind, das stärkste Managementinstrument sind. Mit
klaren Werten und Prinzipien sind die meisten Entscheidungen im
Kanzleileben schon getroffen. Viele alltägliche „kleine“ Entscheidungen
erübrigen sich vollständig. Inhaber, Partner und Mitarbeiter verfügen
über ein gemeinsames Verständnis und Orientierungssystem. Mühevolle und
aufreibende Diskussionen werden enorm reduziert.
1. Kanzlei-LEITbild oder Kanzlei-LEIDbild?
Kanzleiwerte und -prinzipien werden üblicherweise in einem
Kanzleileitbild zusammengefasst und die meisten Kanzleien verfügen
inzwischen auch über eines. Leider ist dieses Kanzleileitbild oft nicht
in einem strukturierten Prozess entstanden, sondern wurde aus der Not
geboren, die Rubrik „Wir über uns“ oder „Wofür wir stehen“ auf der
Homepage zu füllen. Ich mache immer wieder den Test und stelle Inhabern,
Partnern und Mitarbeitern zwei Fragen:
1. Wofür steht die Kanzlei?
2. Woran orientiert sich die Kanzlei?
Obwohl auf der Kanzleihomepage darüber in schön formulierten Sätzen
Auskunft gegeben wird, erhalte ich auf meine Fragen oft keine konkreten
Antworten. Es ist offensichtlich, dass diese Situation unbefriedigend
ist: Nach außen werden (auf der Homepage oder in Imagebroschüren)
Kanzleiwerte kommuniziert, die innerhalb der Kanzlei eigentlich niemand
kennt und daher auch nicht danach gehandelt wird.
So weit, so schlecht. Die Lage kann aber um einiges verschlimmert
werden, indem mit großen Tönen ein Kanzleileitbild verabschiedet wird,
das in einem aufwändigen Prozess mit dem ganzen Team erarbeitet wurde,
und danach sich niemand oder nur einige daran halten! Driften „Wofür wir
stehen“ und das tatsächliche Verhalten – insbesondere der Führungskräfte
– auseinander, wird schnell aus dem Kanzlei-LEITbild ein
Kanzlei-LEIDbild. Mit der Erstellung des Leitbildes wurde Begeisterung
geschaffen, die natürlich Erwartungen weckt. Werden diese Erwartungen
nicht erfüllt, kommt es rasch zur Ernüchterung und in weiterer Folge zu
Verbitterung und Zynismus. Wurde z.B. „Der Mitarbeiter steht bei uns im
Mittelpunkt“ als Grundsatz definiert, die Realität jedoch anders
aussieht (keine regelmäßigen Mitarbeitergespräche, wenig oder gar keine
Anerkennung der Arbeit, mangelnde Fortbildungsmöglichkeiten, wenig
Flexibilität bei Arbeitszeiten etc.), dann wird unter den Mitarbeitern
dieser Grundsatz schnell umgedeutet in: „Der Mensch ist bei uns Mittel.
Punkt!“
Dieses Beispiel zeigt – hier allerdings im negativen Sinn – die
äußerst starke Wirkung von Kanzleiwerten und -prinzipien.
2. Werte? Prinzipien?
Ohne hier ausführliche Begriffsbestimmungen durchzuführen,
Verwirrungen gibt es rund um Vision, Mission, Leitbild etc. ja schon
genug, liegt der Unterschied zwischen einem Wert und einem Prinzip vor
allem darin, dass ein Wert individuell und persönlich ist, währenddessen
ein Prinzip universell ist bzw. generell gilt.
Werte bzw. Wertvorstellungen kann man sich am ehesten als Landkarte
vorstellen. Diese Landkarte ist geprägt von den eigenen Erfahrungen,
Wünschen und eben Vorstellungen. Prinzipien kann man sich dagegen eher
als Leuchttürme vorstellen, die ziemlich unveränderlich sind und
Orientierung geben (sollen).
Werte ergeben sich aus der Frage „Wofür stehen wir?“. Dabei
unterscheiden sich Kanzleien natürlich voneinander, genauso wie einzelne
Menschen unterschiedliche Wertvorstellungen haben: Tradition,
Innovation, Offenheit, Leistung, Nachhaltigkeit, Sorgfalt, Präzision
etc. sind nur ein paar wenige Beispiele.
Prinzipien für eine erfolgreiche Kanzlei, die sich aus der Frage
„Woran orientieren wir unser Handeln?“ ergeben, sind ziemlich
einheitlich und unveränderlich. Es gibt ja relativ wenig neue Ideen im
Geschäftsleben – wenn überhaupt. Wie oft soll man folgende Ratschläge
noch wiederholen: „Höre auf Deine Klienten, erbringe hervorragende
Dienstleistungen, lass Deine Mitarbeiter fortbilden, decke
Schwachstellen auf und beseitige sie und handle im Team.“ Das Problem
liegt auf der Hand: Es besteht nicht darin herauszufinden, was man tun
soll. Das Problem besteht vielmehr darin, die Kraft und den Mut zu
finden, auch tatsächlich zu tun, was wir ohnehin für richtig halten.
3. Wie Werte und Prinzipien finden?
3.1 Werte-Workshop
Erhalte ich von Kanzleien den Auftrag, sie bei der
Leitbilderstellung, der Kanzleiphilosophie bzw. dem Finden der
Kanzleiwerte zu unterstützen, gehe ich diese Aufgabe in Form eines
ziemlich simplen – aber nicht einfachen – Werte-Workshops an.
Simpel ist der Workshop insofern, als dass es lediglich ausreichend
Zeit, ein Flip-Chart und genügend Abstand zum Alltags-Kanzleileben
braucht, um im Führungsteam ein paar wenige Fragen zu bearbeiten.
Im ersten Schritt sollte in Form eines Brainstormings festgestellt
werden, welche Werte jedem aus dem Führungsteam wichtig sind. Dabei geht
es nicht darum, was andere glauben könnten, welche Werte wichtig und
richtig wären, sondern es gilt, die höchstpersönlichen Werte zu
erforschen. Es stellt sich dabei auch nicht die Frage, ob diese Werte
„richtig“ oder „falsch“ sind. Idealerweise sollten aus dieser
Wertesammlung 3 bis max. 5 Werte herausgearbeitet werden können, denen
sich das Führungsteam „verschreibt“.
Anschließend wird jeder dieser Werte mit den folgenden drei Fragen
konkretisiert bzw. operationalisiert:
- Was verstehen wir unter diesem Wert?
- Woran erkennt man diesen Wert?
- Wie arbeitet ein Unternehmen, das sich diesen Wert auf die Fahnen
schreibt?
Diese scheinbar trivialen Fragen haben es in sich. Wie ernst es die
Führungsspitze der Kanzlei tatsächlich mit diesen Werten meint, kläre
ich mit der Frage, inwieweit jeder Einzelne bereit ist, den Wert
einzufordern und ihn selbst zu leben. Also wie intolerant die Führung
bei „Verstößen“ gegen diesen Wert ist. Wie eingangs erwähnt,
unterscheiden sich erfolgreiche Kanzleien von durchschnittlichen
Kanzleien nicht durch bessere Managementfertigkeiten, sondern durch die
konsequentere Einforderung der Werte. Aus meiner Erfahrung sind die
echten Spitzenkanzleien äußerst intolerant gegenüber dem Nicht-Einhalten
der Kanzleiwerte.
In Bezug auf die Kanzleiwerte halte ich üblicherweise relativ wenig
vom zu weiten Einbeziehen aller Mitarbeiter. Ich meine, dass ein falsch
verstandenes Demokratieverständnis hier eher zum „Verwässern“ des
Leitbilds führt. Die Führung der Kanzlei muss wissen, wofür sie stehen
will.
Das Ziel dieses Werte-Workshops ist erreicht, wenn
1. eine klare gemeinsame Vorstellung im Führungsteam über die
Kanzleiwerte geschaffen wurde und
2. konkrete Handlungsanweisungen aus den Kanzleiwerten abgeleitet
werden konnten.
Darauf aufbauend sollen dem gesamten Kanzleiteam die Werte
vorgestellt und die vereinbarten Maßnahmen abgestimmt werden.
3.2 Prinzipien, auf denen aufsetzen kann
Erfolg versprechende Prinzipien zu finden, ist deutlich einfacher,
als Kanzleiwerte zu definieren. Es ist ausreichend untersucht, wodurch
sich Spitzenkanzleien unterscheiden. Ich möchte Ihnen dafür drei
Möglichkeiten anbieten:
1) Professionalität
Unzweifelhaft ist Professionalität ein Prinzip, an dem man sich
orientieren soll. Professionalität lässt sich z.B. an den folgenden
Kriterien festzurren:
1. Mitarbeiter erklären sich damit einverstanden, gecoacht und
an festgesetzten, vereinbarten Standards gemessen zu werden. Teamleiter
in einer Kanzlei werden ausschließlich an der Leistung des Teams
gemessen, die persönliche Verrechenbarkeit ist völlig irrelevant.
2. Deklarieren Sie Teamarbeit als verpflichtend und nicht der
Wahl des Mitarbeiters überlassen. Verpflichten Sie jeden Mitarbeiter,
einem Team anzugehören und diesem Team ein Mindestmaß an nicht
verrechenbarer Zeit zu widmen, seine Zeiteinteilung auf das Team
abzustimmen und Verantwortung für Teamprojekte, an denen er teilnimmt,
zu übernehmen.
3. Es wird laufend daran gearbeitet, besser zu werden. Jedes
Team budgetiert vierteljährlich eine bestimmte Anzahl nicht
verrechenbarer Stunden, um sich folgenden Bereichen zu widmen: (a)
Akquisition von guter – und nicht nur von mehr – Arbeit; (b)
Kostensenkung bei Erbringung bestimmter Leistungen; (c) Erhöhung der
Wertsteigerung für Klienten bei laufenden Dienstleistungen; (d)
Fertigkeiten verbreitern.
4. Höchste Wirtschaftlichkeit bei Abwägung zwischen Potenzial
des Klienten und Kanzleierfolg einfordern. Messung und Festlegung der
Rentabilität der Beratungsleistungen für einen Klienten; der Mitarbeiter
hat die Rentabilität seiner Projekte zu verantworten (Erträge und
Kosten) und wird nicht nur an verrechenbaren Stunden gemessen.
5. Höchstleistung bei Klientenzufriedenheit ist ein
unumstößlicher Standard. Führen Sie verbindlich Klientenfeedback für
jeden Beratungsauftrag ein, das von der Kanzleileitung ausgewertet wird
und als Grundlage für Leistungs- und Gehaltsgespräche dient. Die Kanzlei
gibt eine uneingeschränkte Zufriedenheitsgarantie.
6. Höchstleistung bei der Führung von Mitarbeitern ist ein
unumstößlicher Standard. Institutionalisieren Sie verbindlich Feedback
„nach oben“ für die Projektleitung nach jedem Beratungsauftrag, um
sicherzustellen, dass sämtliche Agenden gut überwacht werden und
Verantwortung hierfür übernommen wird.
7. Persönliche berufliche Weiterentwicklung ist eine nicht
verhandelbare Mindestanforderung. Fordern Sie von jedem Mitarbeiter,
dass er seine berufliche Weiterentwicklung jährlich unter Beweis stellt
(akzeptieren Sie keine faulen Ausreden!). Für die persönliche
Weiterentwicklung auf Basis eines persönlichen Plans zeichnet jeder
selbst verantwortlich.
8. Alle Kanzleipartner und -inhaber müssen wahres Interesse an
den Anliegen der Klienten zeigen und den unbedingten Willen, ihnen zu
helfen. Verpflichten Sie alle Mitarbeiter dazu, Verständnis für die
Branche ihrer Klienten zu zeigen und dadurch zum Geschäftserfolg
beizutragen.
9. Oberste Zielsetzung ist die Herstellung von
Klientenbindung.
10. Seien Sie unnachgiebig beim Verfolgen von Höchstleistung.
Scheuen Sie nicht davor zurück, Mitarbeiter zu entlassen, die Ihre
Prinzipien nicht achten und die Umsetzungsmaßnahmen sabotieren. Frei
nach dem Motto: „Du darfst versagen, aber Du darfst nicht, es nicht
versucht haben.“
Ich behaupte nicht, dass dies die einzigen zielführenden Prinzipien
sind. Sie können diesen Katalog noch ergänzen. Ich bin jedoch überzeugt,
dass die beschriebenen Kriterien ein großes Stück an Professionalität
abdecken.
2) Empirische Erfolgsprinzipien
In seinem Buch „Practice What You Preach“ hat David Maister sich mit
der Frage auseinandergesetzt, wie die Profitabilität eines
freiberuflichen Unternehmens von der Meinung seiner Mitarbeiter zu
bestimmten Themen abhängt. In einer aufwändigen empirischen Untersuchung
(74 Aussagen, 139 Büros von 29 Unternehmen in 15 verschiedenen Ländern)
konnte er einen eindeutigen Zusammenhang nachweisen. Aus der Fülle der
Daten ermittelte er diejenigen Faktoren, die mit der größten
Wahrscheinlichkeit für ein außergewöhnliches finanzielles Ergebnis
verantwortlich sind.
Erwarten Sie jetzt bitte nicht, dass eines der letzten Geheimnisse
des Managements von Steuerberatungskanzleien gelüftet wird. Denn diese
Faktoren sind seit langem bekannt. Neu ist allerdings, wie stark diese
Faktoren das Ergebnis beeinflussen. Es geht dabei nicht darum, ob das
Unternehmen um 10, 20 oder 30 % besser wird. Die Untersuchung zeigt,
dass Unternehmen, die bei diesen Faktoren außergewöhnlich gut
abschneiden, ein Vielfaches (!!!) des Gewinnes erzielen gegenüber jenen
Unternehmen, bei denen diese Faktoren nicht so stark ausgeprägt sind.
Unter diesem Gesichtpunkt erlangen die Faktoren eine vollkommen neue
Bedeutung.
Hier sind jene 9 Faktoren, die mit der größten Wahrscheinlichkeit
dafür sorgen, dass eine Kanzlei erfolgreich ist:
| Klientenzufriedenheit hat höchste Priorität in unserer
Kanzlei. |
| Die Fachkompetenz der Mitarbeiter in unserer Kanzlei wird den
höchsten Erwartungen gerecht. |
| In unserer Kanzlei sind wir verpflichtet, und werden nicht nur
dazu ermutigt, neue Fähigkeiten zu lernen und zu entwickeln. |
| Mitarbeiter unserer Kanzlei behandeln andere immer mit
Respekt. |
| Jene, die am meisten zum Erfolg unserer Kanzlei beitragen,
verdienen am besten. |
| Qualitätsstandards in der Klientenarbeit werden bei uns streng
eingehalten. |
| Wir investieren einen beträchtlichen Teil unserer Zeit in
Dinge, die sich erst in Zukunft rechnen werden. |
| Wir haben hier keinen Platz für Menschen, die ihre
persönlichen Interessen vor jene der Klienten oder der Kanzlei
stellen. |
| Der Geschäftsführung gelingt es, das Beste aus den
Mitarbeitern herauszuholen. |
Meine Einschätzung ist, dass diese 9 Aussagen eine äußerst gute
Möglichkeit darstellen, Kanzleiprinzipien zu formulieren. Sie sind
meines Erachtens eindeutig und darüber hinaus empirisch nachgewiesen.
Außerdem können diese Aussagen regelmäßig im Zuge von
Mitarbeiterbefragungen auf deren Erreichung überprüft werden.
3) Ein Musterbeispiel
Die dritte Alternative, um Kanzleiprinzipien festzulegen, ist, sich
an einem Beispiel zu orientieren. Ein aus meiners Sicht allgemein
gültiges Muster sind die Business Principles von Goldman Sachs. Sie sind
im Internet zu finden unter –
http://www.gs.com/our_firm/our_culture/business_principles.html.
Auf Grundlage dieser - englisch – formulierten Grundsätze können leicht
für die eigene Kanzlei Prinzipien definiert werden.
Die Tatsache, dass es relativ leicht ist, Kanzleiprinzipien zu
formulieren, sollte nicht darüber hinweg täuschen, dass damit lediglich
der erste kleine Grundstein für wirksame Grundsätze gelegt ist. Es
besteht ein enormer Unterschied zwischen Prinzipien, zu denen man sich
bekennt, und solchen, die man lebt.
4. Wie Werte und Prinzipien leben?
Der erste Kardinalfehler der Umsetzung eines Kanzleileitbilds besteht
eigentlich schon darin, dass man seine Erstellung abschließt. Natürlich
ist es notwendig, dass das Projekt „Kanzleileitbild“ abgeschlossen wird,
dass das Leitbild im Team präsentiert wird, dass die Kanzleiphilosophie
in der Imagebroschüre oder auf der Homepage seinen Ausdruck findet usw.
Der Fehler ist, dass man glaubt, es jetzt geschafft zu haben. Dabei ist
das Verabschieden des Leitbilds erst der Beginn eines – aus meiner Sicht
– permanenten Prozesses!
Der zweite Kardinalfehler der Realisierung von Kanzleileitbildern
passiert, wenn Inhaber, Partner und Teamleiter – eben die Kanzleiführung
– die Werte und Prinzipien nicht vorleben.
Die Umsetzung von Kanzleiprinzipien erfordert eine spezielle Führung.
Es braucht dazu Inhaber, Partner und Teamleiter, die am Ball bleiben und
wissen, was in der Kanzlei bzw. im Team vorgeht, sodass ihnen die
Nichteinhaltung der Prinzipien umgehend auffällt.
1) Mut
Mut ist nicht eine der Tugenden, sondern die entscheidende Tugend,
wenn es darauf ankommt, Kanzleigrundsätze umzusetzen. Mit Mut meine ich
Courage, Entschlossenheit und Beherztheit, seinen Überzeugungen treu zu
bleiben. Was so simpel erscheint, ist ganz und gar nicht so einfach zu
realisieren.
Haben Sie sich z.B. zu außergewöhnlicher Servicequalität
verpflichtet, werden Sie immer wieder dem Reiz ausgesetzt sein, doch
nicht immer alles für den Klienten zu tun, falls es möglicherweise nicht
verrechenbar ist oder der Klient es vielleicht nicht honorieren könnte.
Es kommen nahezu täglich Entscheidungen auf Sie zu, in denen Sie
zwischen „Umsatz jetzt“ oder „langfristige strategische
Kanzleientwicklung durch außergewöhnliche Servicequalität“ wählen
müssen.
Ist eines Ihrer Prinzipien, dass jeder Mitarbeiter verpflichtet ist –
und nicht nur ermuntert wird -, sich weiterzubilden? Wie entscheiden Sie
sich, wenn es darum geht, ob ein Mitarbeiter ein dringendes
Klientenprojekt abschließen oder ein für seine Entwicklung wichtiges
Seminar besuchen sollte?
Wir finden alle immer eine Menge guter Gründe, warum wir in diesen
Situationen anders (unseren Überzeugungen zuwider) handeln können. Und
genau da liegt der entscheidende Knackpunkt. Exakt in diesem Moment
brauchen Sie den Mut, die Entschlossenheit, das Engagement und die
Begeisterung, zu Ihren Überzeugungen zu stehen. In diesen Momenten sind
die Augen all Ihrer Mitarbeiter auf Sie als Kanzleiinhaber, Partner oder
Teamleiter gerichtet.
Ich möchte es nochmals betonen: Erfolgreiche Kanzleien zeichnen sich
nicht dadurch aus, dass sie bessere Ideen oder schlauere Konzepte haben.
Nein, sie halten sich einfach an die Standards und Spielregeln, von
denen alle wissen, dass sie zum Erfolg führen.
Das heißt nicht, dass Sie als Führungskraft Diktator, Polizist oder
Attila, der Hunnenkönig spielen müssen. Es geht darum, dass Sie sich
sofort einschalten, wenn Prinzipien nicht eingehalten werden. Je eher
Sie handeln, desto mehr Möglichkeiten haben Sie. Der erste Schritt wird
ein persönliches Gespräch mit Ihrem Mitarbeiter sein. Dabei müssen Sie
immer auf eine Balance zwischen „förderndem“ und „forderndem“ Verhalten
achten. Diese Gespräche sind nicht einfach, und Steuerberater sind in
dieser Beziehung in vielen Fällen zu wenig geschult. Eines ist aber
klar: Es braucht Mut, diese Gespräche zu führen.
Nichts prägt die Entwicklung Ihrer Kanzlei mehr als die
Entschlossenheit, die Begeisterung und die Leidenschaft, die Sie als
Kanzleiinhaber bzw. Partner täglich Ihren Mitarbeitern vorleben.
2) Ziele formulieren und Einbau in die tägliche
Routine
Ich bin davon überzeugt, dass Kanzleiwerte und -prinzipien zum Leben
erweckt werden, wenn sie mit konkreten Maßnahmen und Zielen verknüpft
werden. Denn damit ist es möglich, die Zielverfolgung bzw. -erreichung
mit der täglichen Arbeit zu verbinden: Z.B dadurch, dass die
Kanzleiwerte Bestandteil jeder Teambesprechung sind, dass nach jedem
größeren Auftrag ein kurze Analyse darüber stattfindet, ob man den
Kanzleiwerten gerecht geworden ist, oder indem jeder Monat unter ein
bestimmtes Motto im Zusammenhang mit den Prinzipien gestellt wird.
3) Das Kanzleiwerte-Paradoxon
Wenn in einer Kanzlei ein Wertesystem fest verankert ist, muss die
Kanzleiführung kaum Anstrengungen unternehmen, um es aufrechtzuerhalten,
weil jeder weiß, „wie die Dinge hier eben laufen“. Die Mitarbeiter
wissen auch, dass Missachtungen der Prinzipien Konsequenzen haben. Für
Inhaber, Partner und Teamleiter ist ein geringer Zeitaufwand
erforderlich, die Kanzleigrundsätze am Leben zu erhalten. Wenn jedoch
das Wertesystem schwach ist bzw. gar nicht existiert, ist der Aufwand an
Zeit und Anstrengungen enorm, um das Verständnis aller Mitarbeiter für
Maßnahmen zu gewinnen, die die Einhaltung der Kanzleiprinzipien
sicherstellen.
5. Resümee
Ich kann es jeder Kanzlei nur empfehlen, klare und eindeutige
Wertvorstellungen und Prinzipien zu definieren. Dadurch wird die
notwendige Orientierung für strategische Entscheidungen und operative
Maßnahmen geschaffen. Kanzleileitbilder entfalten ihre enorme Wirkung,
wenn man sie als permanenten Prozess ansieht und nicht als einmaliges
Projekt. Aus den Werten und Prinzipien müssen konkrete Maßnahmen, Ziele
und Verantwortlichkeiten abgeleitet werden. Geschieht das nicht, sind
Leitbilder meist nicht einmal das Papier wert, auf dem sie stehen.
Kanzleiwerte brauchen für ihre Wirksamkeit die Vorbildfunktion aller
Führungskräfte in der Kanzlei. Man sollte sich daher sehr genau
überlegen, zu welchen Werten man stehen möchte. Falls man zu keinen
ausgeprägten Prinzipien stehen möchte, so ist das auch in Ordnung. Nur
sollte man dann damit aufhören, so zu tun, als ob die Prinzipien wichtig
wären.